Wie GERD VI zu mir kam

[von Thomas Behrend, Hamburg]

 

Schon seit meiner frühen Kindheit bin ich mit meinen Eltern in Skandinavien gesegelt.
Immer wieder trafen wir auf diesen Törns auch Schärenkreuzer. „Wir“ waren auf einem typischen Plastikboot und ich erinnere mich, dass meine Eltern schon damals das Thema „Raum auf dem Boot“ als Argument hatten, wenn es darum ging, die Schärenkreuzer-Segler zu bedauern. Natürlich folgte ich diesem Argument - schließlich waren es meine Eltern! Dennoch konnte ich mich schon damals der Eleganz der „Zahnstocher“ nicht entziehen.

Typisch: Ankern im Schärengarten - Gerd VI an einer Schäre

Über 30 Jahre später ging es dann für mich daran endlich ein eigenes Boot zu haben.
Von vorn herein wollte ich kein Tourenboot, sondern ein reines Regattaboot. Außerdem sollte es ein echter Vertreter seiner Klasse sein. Extrem lang und schmal, eben ein typischer Schärenkreuzer. Als ich dann nach mehrjähriger Suche auf eine Annonce auf einer schwedischen Internetseite stieß, sah ich das erste Mal GERD VI. Ich wusste sofort, dass „Sie“, Gerd ist nämlich in Schweden ein weiblicher Name, genau das Boot ist, welches ich immer wollte. Sie oder keines! Leider wollte der Besitzer das Boot absolut nur an einen Schweden verkaufen. Dafür hatte ich einerseits volles Verständnis, aber andererseits war Gerd eben genau das Boot, welches ich immer wollte. Ich bat den Inhaber, wenigstens mit Gerd segeln zu können und so trafen wir uns im Mai 2008, um Gerd ins Wasser zu lassen und dann zu segeln. Mit einem Wort – fantastisch! Als ich 3 Tage später Stockholm verließ, musste ich dem Eigentümer versprechen, dass ich ihn nicht weiter dränge, das Boot mir zu verkaufen.

Es vergingen schwere Wochen für mich. Ich hatte mich unsterblich in Gerd verliebt und fand kaum eine Nacht Schlaf. 3 Wochen, dann ein Anruf: Ein weiterer Interessent, auch aus Deutschland, wollte das Boot sehen. Mir war klar, was jetzt passieren würde: Ein Bieterkampf den ich nicht gewinnen konnte. Wieder eine Woche später rief mich der Besitzer erneut an.
Der „andere“ Interessent wäre doch auch ganz nett, ich soll mal ein Höchstgebot abgeben.
Ich wusste es doch! Verdammt was tun? 2 Tage ging ich mit mir „ins Gericht“. Dann gab ich ein Gebot ab, irgendwo zwischen dem, was mein Geldbeutel zuließ und mein Herz bereit war, zu geben. Wieder vergeht eine Woche. Endlose Tage. Ich werde es nie vergessen: es war an einem Sonntagnachmittag auf der Terrasse meiner Eltern beim Kaffe trinken. Die Stimme in meinem Mobiltelefon sagt:

„Congratulations, you are the new owner of Gerd!“

gerd_vi.jpg(C) Text & Photos: Thomas Behrend 2008