Die Faszination der Konstruktionsklasse vorgestellt an der Entwicklung des 30 m2 Schärenkreuzers von 1896 bis heute

Am 2. August 1896 begann die Entwicklung der Schärenkreuzer-Konstruktionsrichtlinien in Schweden mit fixer (nominal 30 m²) Segelfläche für den 30er, Unterwasserschiff mit angehängtem Ruder, Variation der Rumpflinien (S-Spant) in Abhängigkeit der Verdrän-gung und gewisser „Wohnlichkeit“. Damit sollte das reelle Segeln im Wettbewerb in der jeweiligen Klasse erreicht werden im Gegensatz zu dewannsee-schaeren2.jpgn Meter-Yachten, bei denen die grosse Variation der Rumpfform und –grösse, der Segelfläche etc. in der jeweiligen Klasse dies nicht ermöglicht. Bis in die Neuzeit entstanden nach diesem Konzept über 1000 Schärenkreuzer-Einheiten von 15 bis 150 m² fixer Segelfläche. Die Zahl der 30 m² Schärenkreuzer wird zurzeit auf etwa 350 geschätzt, davon ca. 60 am Bodensee, 12 am Starnberger See, 5 am Ammersee, 4 am Chiemsee, 4 am Genfersee und 3 am Zürichsee.

 

So kam es 1908 zum Bau des ersten 30ers „Älfvan“ (Konstrukteur Erik Salander) in Schweden mit Gaffelgroß und einer Länge von 8,10 m und einer Breite von 1,98 m. 1919 erhielten die Schärenkreuzer-Klassen den Status der internationalen Klasse der International Yacht Racing Union (IYRU, heute ISAF) in London. Von nun an entwickelten Schweden (Svenska Skärgårdskryssare Förbundet, SSKF) und England (IYRU) die Bau- und Vermessungsvorschriften in gegenseitiger Abstimmung. Bei der Olympiade 1920 wurde der 30 m2 Schärenkreuzer olympische Bootsklasse. Es war kein Ruhmesblatt für die Klasse mangels Beteiligung mit der Konsequenz, dass dieser Status sofort verloren war.

In den 20er Jahren wurden die internationalen Bau- und Vermessungsvorschriften von Schweden (SSKF), England (IYRU) und später Deutschland (DSV) im dreijährigen Über-arbeitungszyklus weiter entwickelt. Das Marconi-Rigg mit Violinstag löste die Gaffel-takelage ab. Für die Baukontrolle war in Deutschland der Germanische Lloyd zuständig. Es war die Zeit der Konstrukteure Karl-Einar Sjögren, Tore Herlin, Knud und Yngve Holm und Gustav Estlander in Schweden sowie Max Oertz, Wilhelm von Hacht und Henry Rasmussen in Deutschland. Das internationale Establishment des Adels und der Industrie dieser Zeit segelte 30er. Die älteste DSV-Vermessungs- und Bauvorschrift der Schärenkreuzer-Klassen vom 22er bis zum 75er gilt vom 1. Januar 1928 bis Dezember 1935. Eine weitere DSV-Überarbei-tung gilt vom 1. Januar 1936 bis 1. Januar 1939, die in Deutschland bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus bis in die 80er Jahre Bestand hat. Sie ist für geplankte 30er bis heute unverändert geblieben!

3842-11.jpgAb den 30er und 40er Jahren werden die Bau- und Vermessungsvorschriften nur in Schweden und England weiter gepflegt und 1945 von beiden Ländern ohne Änderungen neu gefasst. Als Konstrukteure in dieser Zeit sind Erik Nilsson, Harry Becker, Knud Reimers und natürlich Henry Rasmussen zu nennen. 30er-Segler aus dem deutschsprachigen Raum gründen 1952 in der Schweiz die Inter-nationale Vereinigung der 30 m2 Schärenkreuzer-Klasse, die unter der Verantwortung des DSV die 30er-Klasse betreut und die Bau- und Vermessungsvorschriften weiter entwickeln und pflegen soll. Ab 1954 kommt es zu weiteren Überarbeitungen der Bau- und Vermessungsvorschriften. Die geringfügigen Änderungen sollen bei einer Fortschreibung der alten DSV-Vorschriften von 1939 berücksichtigt werden. 1954 erhält der 30 m2 Schärenkreuzer den B-Status durch die IYRU, der 1967 mit Wirkung ab 1970 widerrufen wird. Die Internationalität der 30er ist aber nicht tangiert. In Deutschland befasst man sich mit der Freigabe neuer Materialien wie Kunststoff für den Rumpf und Alu für Mast und Großbaum. Ausführungsunterlagen der SSKF zur Kunststoff-fertigung in Zusammenarbeit mit DSV, Vermesser und Knud Reimers führen 1972 zur Produktion des ersten deutschen Kunststoff-30ers GER 104 mit Holzmast (Häfele-Kunst-stoffschale, Ausbau Beck&Söhne, Reimers-Riss „Bijou“). Es war oberstes Ziel, die Festig-keits- und Materialwerte, Flächengewichte usw. des klassischen Holzbaus in die Kunst-stofffertigung zu übernehmen mit der Konsequenz der Solidität und der reellen Chancen-gleichheit im Wettbewerb. 1973 werden in Deutschland Alu-Mast und –Spibaum eingeführt (Auslegungsdaten entsprechend Holzmast). Später wird entsprechend den Baurichtlinien der SSKF und IYRU aus den alten DSV-Tabellen von 1939 (Tabellen I, Ia, Ib, III, IV) eine komprimierte Tabelle (später als Tabelle V bezeichnet) als Sondervorschrift für GFK- und formverleimte Yachtfertigung nur für den 30er erarbeitet. Auch hier gilt der Transfer der Qualität aus dem konventionellen Holzbau wie schon erwähnt. Zur Einhaltung der Bauvorschriften wird 1977 ein Typisierungsvertrag für den „Bijou“-Riss zwischen DSV, Konstrukteur, Vermesser, Werft und 30er-Vereinigung abgeschlossen. Ein Vermessungsformblatt, nach der Bauabnahme unterzeichnet von der Bauwerft, DSV-Ver-messer, DSV und dem Technischen Ausschuss der Klassenvereinigung bestätigt die Klassifizierung der 30er-Neubauten. Die SSKF erlässt 1981 endgültige Baubestimmungen für Schärenkreuzer aus GFK. Mit dem Segen des DSV wird für Deutschland eine neue Bau- und Vermessungsvorschrift erlassen. In der Tabelle V sind alle notwendigen Angaben für GFK- bzw. formverleimte Yachten angegeben (für geplankte Yachten gilt immer noch die Vorschrift des DSV von 1939). Die Tabelle B (Festschreibung auf den „Bijou“-Typ) schreibt enge Toleranzen der Abmessungen und Baumasse vor.

Die Konstruktionsklasse 30er ist erstmalig in ein Korsett gezwängt, um das äußerliche Bild im althergebrachten Sinn zu wahren.

usa-049_ger-124sw.jpg In anderen Ländern gelten die uneingeschränkten Konstruktionsvor schriften ohne das Korsett. Diese uneingeschränkten Konstruktionsvorschriften vertritt auch die South European Skerry Cruiser Association. In dieser Zeit entstehen in England „Spirit“ und „Blithe Spirit“, gebaut von Paul Litton nach einem Riss von Ian Howlett, wie auch diverse Neubauten in Schweden. Als ein weiterer Konstrukteur dieser Zeit ist Peter Norlin zu nennen. In den 90er Jahren befassen sich junge Konstrukteure wie Klaus Röder und Bernhard Utz mit interessanten Studienarbeiten und der Konstruktion des 30 m2 Schärenkreuzers ent-sprechend den geltenden Bau- und Vermessungsvorschriften. Es bleibt festzustellen, dass nach fast 100 Jahren die Konstruktionsklasse 30er mit mehr oder weniger identischen Bau- und Vermessungsrichtlinien angepasst an moderne Baustoffe die Charakteristik, Solidität, Eleganz und Attraktivität bis in die Neuzeit bewahren konnte. Verschiedene Konstrukteure, die letzten in den 90er Jahren und die Neubauten bis heute, haben diesen Trend bestätigt. Es handelte sich immer über alle Jahrzehnte hinweg um Einzelbauten, ggf. um eine Kleinserie wie beim „Bijou“-Typ den Rumpf betreffend. In der heutigen Zeit sind Konstruktions- und Handwerksarbeit für Einzelbauten teuer und von der Kostenseite her nicht vergleichbar mit Großserienyachten. Der Anreiz für einen Neubau ist wohl in der Faszination für diese klassische Yacht begründet mit einer respektablen Flotte von Klassikern aus den 20er Jahren mit aktuellen Neubauten und natürlich mit der Möglichkeit, mit einem Unikat im Rahmen der uneingeschränkten (ohne Korsett!) Konstruktionsrichtlinie des 30ers nach Plänen eines alten oder aktuellen Konstrukteurs sich seinen ureigenen Traum zu verwirklichen. Bei kleinerem Geldbeutel besteht immer noch die Möglichkeit, alte Yachten zu erwerben und sich in das Abenteuer einer Restauration entsprechend den Richtlinien des DSV von 1939 zu begeben, auch ein Trend der ungebrochen ist. Somit ist eine der „kleinen“ Schärenkreuzer-Klassen – der 30er – „schlank, elegant, wunderschön proportioniert, ein Klassiker vom ersten Tag bis heute ...“ (Daniel Charles) mit hohem Segelgenuss und –anspruch – egal, ob alt oder neuzeitoptimiert.

(c) Winfried Krüger 1997

Quellen:
Book of the British 30 Square Metre
Per Thelander: Alla vara Skärgårdskryssare
Erdmann Braschos: diverse Veröffentlichungen über Schärenkreuzer Bau- und Vermessungsvorschriften von SSKF, IYRU und DSV ab den 20er Jahren

Bildmaterial:
Photo Lauterwasser, Überlingen
Winfried Krüger, Karlsruhe